Vergleichende Entwicklung des intestinalen Mikrobioms bei domestizierten und halbwild lebenden Fohlen: Auswirkungen auf die Verdauungsgesundheit und Zuchtpraktiken
Zusammenfassung
Das intestinale Mikrobiom des Pferdes spielt eine zentrale Rolle für die Verdauungs‑, Immun‑ und Stoffwechselgesundheit. Eine 2020 in Animal Microbiome veröffentlichte Studie (Tavenner, McDonnell & Biddle) verglich die Entwicklung des Mikrobioms bei halbwild lebenden Fohlen mit jener von Fohlen, die unter konventionellen Haltungsbedingungen mit frühem Zugang zu Kraftfutter aufgezogen wurden. Die Ergebnisse zeigen bereits in den ersten Lebenswochen deutliche Unterschiede, was darauf hindeutet, dass einige gängige Zuchtpraktiken nicht mit den biologischen Bedürfnissen des jungen Pferdes übereinstimmen.
1. Einleitung
Das intestinale Mikrobiom des Pferdes ist ein komplexes Ökosystem aus Mikroorganismen, das an der Faserverdauung, der Vitaminsynthese, der Immunmodulation und bestimmten Verhaltensfunktionen beteiligt ist. Eine Dysbiose dieses Systems wurde mit Koliken, Durchfall, Magengeschwüren und Hufrehe in Verbindung gebracht. Aktuelle Erkenntnisse zeigen, dass sich die mikrobielle Gemeinschaft des Fohlens zwischen dem ersten und zweiten Lebensmonat stabilisiert und dass die Art des Absetzens bei korrekter Durchführung keine wesentlichen Veränderungen verursacht.
2. Natürliche Entwicklung des Mikrobioms beim Fohlen
Unter natürlichen Bedingungen wird die mikrobielle Besiedlung durch den engen Kontakt zur Mutter, den kontinuierlichen Zugang zu Gras, das Leben in der Herde und das Fehlen stärkehaltiger Kraftfutter beeinflusst. Faserabbauende Bakterien (fibrolytische Bakterien) bilden den funktionellen Kern des herbivoren Mikrobioms. Ihre frühe Etablierung bestimmt maßgeblich die spätere Fähigkeit des Pferdes, Raufutter effizient zu verwerten.
3. Vergleich zwischen halbwild lebenden und domestizierten Fohlen
3.1. Halbwild lebende Fohlen
In der Studie von Tavenner et al. entwickelten Shetlandfohlen, die unter halbwilden Bedingungen aufwuchsen, ein signifikant vielfältigeres Mikrobiom als domestizierte Fohlen. Diese erhöhte Diversität ist mit einer besseren Verdauungsstabilität, einer höheren Anpassungsfähigkeit an Futterwechsel und einer gesteigerten Stressresistenz verbunden. Dominierende Taxa waren fibrolytische Bakterien, die auf den Abbau komplexer Pflanzenfasern spezialisiert sind.
3.2. Domestizierte Fohlen
Die domestizierten Fohlen wurden in der ersten Lebenswoche in Boxen gehalten und anschließend in kleine Ausläufe gebracht, wo sie Zugang zum Kraftfutter ihrer Mutter hatten. Bereits in der zweiten bis dritten Lebenswoche zeigten diese Fohlen eine deutliche Zunahme milchsäureproduzierender Bakterien (Lactobacillaceae). Diese Bakterien vermehren sich bei Vorhandensein von Stärke im Dickdarm, produzieren Milchsäure, senken den pH‑Wert und hemmen fibrolytische Bakterien. Dieses Muster entsteht durch das natürliche Nachahmungsverhalten des Fohlens, das die Ration der Mutter mitfrisst.
4. Langfristige Auswirkungen
Obwohl das Mikrobiom veränderbar bleibt, stellen die ersten Lebenswochen eine entscheidende Phase der biologischen Programmierung dar. Eine frühe Exposition gegenüber Stärke kann die mikrobielle Gemeinschaft dauerhaft in Richtung eines weniger faserangepassten Profils verschieben. Dies könnte erklären, warum manche erwachsene Pferde Raufutter schlechter verwerten, anfälliger für Hufrehe sind oder häufiger Magengeschwüre entwickeln. Die Ergebnisse legen nahe, dass bestimmte Verdauungsprobleme, die oft genetischen Faktoren zugeschrieben werden, tatsächlich auf frühe Haltungsbedingungen zurückzuführen sein könnten.
5. Praktische Implikationen für die Pferdezucht
Die vorliegenden Daten sprechen dafür, Fohlen in den ersten Lebenswochen auf der Weide, in sozialen Gruppen und ausschließlich mit Zugang zu Muttermilch und Gras aufzuziehen. Eine frühe Einführung stärkehaltiger Kraftfutter sollte vermieden werden. Wird nach dem Absetzen eine Ergänzung notwendig, sind proteinreiche, stärkearme Balancer‑Futtermittel zu bevorzugen. Hochwertiges Heu sollte als Grundfutter betrachtet werden. Die botanische Vielfalt und die Qualität der Umgebung beeinflussen die mikrobielle Diversität erheblich und fördern eine gesunde Entwicklung. Zudem ist zu beachten, dass die Forschung zum equinen Mikrobiom noch jung ist und viele ältere Studien an ergänzungsgefütterten Fohlen durchgeführt wurden, was das Verständnis ihrer tatsächlichen Verdauungskapazitäten beeinflusst haben könnte.
6. Schlussfolgerung
Die Ergebnisse von Tavenner et al. zeigen, dass Fohlen, die unter natürlichen Bedingungen aufwachsen, ein vielfältigeres und funktionelleres Mikrobiom entwickeln als Fohlen mit frühem Zugang zu Kraftfutter. Die Autoren schlagen vor, dass die Haltungsbedingungen halbwilder Pferde als Referenz für ein gesundes intestinales Mikrobiom bei domestizierten Pferden dienen könnten. Diese Erkenntnisse regen dazu an, bestimmte intensive Zuchtpraktiken zu überdenken und zu berücksichtigen, dass sich die Biologie des Fohlens nicht im gleichen Tempo verändert hat wie moderne Managementsysteme.
Literatur
Tavenner MK, McDonnell SM, Biddle AS. Development of the equine hindgut microbiome in semi-feral and domestically managed foals. Animal Microbiome. 2020;2:43. doi:10.1186/s42523-020-00060-6
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